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"Kaffee Mix" versus "Mosaik"
 
Das berüchtigtste Surrogat der DDR - "Kaffee Mix"
 
“C-a-f-f-e-e,
trink nicht so viel Kaffee,
nicht für Kinder ist der
Türkentrank,
schwächt die Nerven, macht dich blass und krank,
sei doch kein
Muselmann,
der ihn nicht lassen kann.”

Unter der Berücksichtigung dieser - zugegebenermaßen hochgradig politisch unkorrekten - Empfehlung von Karl Gottlieb Hering (1766-1853) liefen Bestrebungen, zum Wohle des deutschen demokratischen Volkes immer mehr Kaffee mit immer weniger Bohnen herzustellen. Im Mittelpunkt der Gesellschaft stand schließlich der Kaffeetrinker.

So erblickte 1977 ein mit Spuren von Bohnenkaffee getuneter Malzkaffee das Licht von Konsum und HO als würdige Ablösung des etwas preiswerten "echten" Bohnenkaffees "KOSTA".

"Erichs Krönung"
war geboren, ein interessantes Konglomerat aus gleichen Anteilen Bohnenkaffee und Roggenextrakt.

Leider hatte das Zeug neben geschmacklicher Verirrung auch kleinere mechanische Mängel, denn die Kaffeemaschinen konnten der Verklumpung nicht widerstehen und reagierten mit sofortiger Brühsperre. Erst nach aufwändigen Langzeittests und mehreren Rezeptur-Änderungen gelang es, mittels Substitution eines Teils des Roggens durch Gerste, Zichorie und geröstete Zuckerrübe eine bessere Maschinenverträglichkeit einzustellen, keinesfalls aber eine verbesserte Situation für den Rezipienten dieses Brechmittels.
Der Volksmund samt seiner beleidigten Zunge wehrte sich mit Konsumverweigerung und mit Witzen gegen diesen sozialistischen Gaumenkitzel:
"Potenz ade - durch Mix-Kaffee"
Unterschied zwischen Neutronenbombe und "Kaffee Mix":
Es gibt keinen, die Tasse bleibt ganz, aber der Mensch geht kaputt.

"Die Pille wird nun abgeschafft,
denn KAFFEE-MIX hat die gleiche Kraft."
Unterschied zwischen "Jakobs Kaffee" und "Kaffee Mix":
"Jakobs" ist die Krönung, "Kaffee Mix" ist der Gipfel.
Erfolg war dieser Marke also recht wenig beschieden, immerhin aber eine traurige Berühmtheit. Eine der letzten Tüten war in Gustav Ginzels "Misthaus" in Klein-Iser an die Wand genagelt, zur Abschreckung und Warnung für alle wahrhaftigen Kaffeetrinker.
 
Das schönste Surrogat der DDR -
Das Mosaik-Ersatz-Cover

Angeregt durch Pteromans Forschungsbericht zum Thema "Surrogat-Cover" in "Mosaike Nr. 5" bin ich in der Lage, meine eigenen, lausigen Nachbildungen zu präsentieren, immerhin mit garantierter Herkunft.
Sie sind meiner weißen Periode zuzuordnen und wurden unter starker Abstraktion kreiert.
Als später mein Foto-Hobby an die Oberfläche drängte, konnte ich, wenn Originale verfügbar waren, eine ordentliche Schwarz-Weiß-Kopie der fehlenden Seiten anfertigen. Manchmal sogar von ganze Heften.
Die alten Hefte, an deren Restaurierung man Stunden und Tage verbrachte, sind einem doch irgendwie ans Herz gewachsen. Heute wär's unbezahlbar, aber damals war's eben die Zeit, die nicht Geld ist.

Heft 2 Heft 4 Heft 6

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In den 60ern, als die Tausch- und Dealszene nur Freundeskreis und Schulhof umfasste, war mangels Masse natürlich auch keine allzu große Auswahl an tauschwürdigen Heften vorhanden. Daher war man oft gezwungen, sich auch Fragmente über den Tisch zu ziehen. Die gut erhaltene Nummer 2 für den horrenden Preis von 20 Ostmark konnte ich mir 1969 noch nicht leisten. Und ein Heft ohne erste und letzte Seite war immer noch besser als ein Heft erst ab Seite 7, welches aber wiederum besser war als gar keins.

Eine fehlende Ecke ließ sich gerade noch so ausbessern, das Bildmaterial konnte durch empirische, nichtlineare Approximation restauriert werden. Aber oft scheiterte die genaue Kenntnis des originalen Textes. So fehlte mir lange Zeit die linke innere Ecke auf Seite 31 von Heft 21 ("Ende gut, alles gut").
Da nur das Fragment "les gut!" vorhanden war, malte ich kühn: "Nun ist ja alles gut!"
Hier noch das Beispiel für die Seite 2 des Heftes Nr. 4. Früher als hinreichende Qualität betrachtet, heute schon etwas schrottig. Allerdings ein Original, das so kein zweiter hat.
Und daher ist's unverkäuflich. 
Viele Hefte haben so ihre eigene Geschichte.
 
Restauriert wurden die brüchigen Ränder mit dem guten Knochenleim-Klebeband vom VEB "Hammermühle", eine leckere Erfahrung im wahrsten Sinne des Geschmacks. Das Gute daran war, man konnte es leicht wieder ablösen.
Wer allerdings seine Hefte mit dem vulgären "Ost-Klebeband" flickte, der bereute es bald. Der Klebstoff durchsetzte das Papier und ließ es durchscheinend und fettig werden.
Da war das "Prena-Band" immer noch besser geeignet. Die trockene Klebstoffschicht verblieb am Papier, lediglich das Band fiel irgendwann unverhofft ab. Aber der gute Klebstoff hielt das Papier weiterhin ordentlich zusammen.
Eine der schlimmsten Sünde war allerdings die Reparatur des Heftrückens mit dem so genannten "Lenkerband" aus dem Radfahrer-Fundus. Dieses ließ sich nie mehr entfernen und es hält noch heute.
Die Mosaik-Hefte gingen durch viele, manchmal auch nicht so saubere Hände. Häufig verborgte man sie untereinander, zum Teil leider auch verlustreich. Aber man beschäftigte sich eben direkt mit dem Medium, also "Mosaik" zum Anfassen.
Heute ist das bei vielen Sammlern anders. Obwohl ich nun auch zum Verleihnix geworden bin, lese ich trotzdem noch manchmal gern die alten Originale.  So, jetzt haut mich!
Meine Sammlung - als Stück meiner selbst - habe ich noch nie als Geldanlage betrachtet, freiwillig würde ich sie sowieso nie hergeben, nicht mal in finanzieller Not.
Aber sie durch doppeltes Panzerglas oder im Reinst-Raum mit Gummihandschuhen zu lesen, kommt nicht in Frage.
Irgendwann wird die Papiersäure gemeinsam mit dem Zahn der Zeit sowieso alles aufgefressen haben. 
Amen.
 
 
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