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114 Das vergoldete Krokodil Mai 1966


Im kultigen Thronsaal hockt der byzantinische Kaiser Andronikos, flankiert von den Schmeichler-Chören, auf seinem Schemel, zu Füßen den Lieblingslurch.
Runkel ist vor dem Himmlischen aufmarschiert, um den ihm für den Sieg versprochenen Traumjob abzugreifen. Im Stellenplan des Kaisers ist allerdings gerade kein Hofamt vakant. Not täte hier ganz bitter - eine Quote für den Ritter. Während der Kaiser vor sich hin grübelt, trommelt Runkel ungeduldig auf Mutawakkels Schnauze den Takt zu den kakophonischen Elogen der Schmeichler. Das ist selbst einem Krokodil zuviel und es schnappt in Notwehr zu. Natürlich passiert Runkel gar nichts, denn eine gute Ritterregel schützt ihn vor jeglichem Verbiss.
Das bringt den Kaiser auf die rettende Idee, mit Runkel einen kürzlich verspeisten alten Kader zu substituieren.
So wird Ritter Runkel zum Gleichstellungsbeauftragten für höfische Premium-Reptilien, kurz zum "Kaiserlichen Lieblings-krokodilwärter" ernannt.
Runkel ist's zufrieden, in seinem neuen Kettenhund-Look geht er sogleich mit seinem Schützling Gassi. Und mit dem Spezialauftrag des Kaisers, das edle Kriechtier hübsch vergolden zu lassen.
Die zwei makkaronischen Prinzen rätseln über Runkels Beweggründe zum Amt und suchen den Verlierer Janos auf, der seinen Frust in einer Weinstube verklappen will.

Runkel platzt mit den Worten "Einmal Vergolden bitte" in den animalischen Schönheitssalon. Auch ein alter Bekannter harrt hier der Reparatur: Sokrates, der pisanische Papageier. Nach seinem bösen Unfall mit der Krebsschere braucht er jetzt dringend eine Schwanzverlängerung. Während sich die zwei unversöhnlichen Streithähne einen verbalen Schlagabtausch liefern, beginnt der Anstreicher damit, Runkels Rüstung zu vergolden. Erst nach Fertigstellung bemerkt der Goldjunge das Missverständnis. Fiasco und Sokrates lachen sich scheckig. Während jetzt der schmucklose Molch eingefärbt wird, betrachtet sich Runkel mit wachsender Verzückung im Spiegel.
Das kulante Angebot, ihn wieder abzukratzen, lehnt er generös ab. Partnerlook ist angesagt. Mit der Rechnung unterm Arm und dem Kroko an der schlichten Lederleine promeniert er über die Meza.
Vor der Taverne, wo schon Janos mit den Digedags abhängt, wird Runkel von zwei professionellen Schleimbeuteln angezeckt, die ihm gerne einen ausgeben möchten, in der Hoffnung, sich so den Zugang zum Hof zu erschleichen.
Der Wirt gibt sein Bestes, nämlich zwölfhundertvierziger Bosporusperle. Das rünstige Krokodil schüttet sich das Labsal sofort in seine schuppige Gurgel. War doch nur Spaß. Als der Wirt die nächste Kanne bringt, ist Mutawakkel schon auf Entzug. Der Kneiper rettet sich auf den Tisch, wird aber vom Reptil arg bedrängt. Runkel weist ihn an, dem lieben Tierchen doch gefälligst sein Pläsierchen zu gönnen. Nach dem Einschütten der zweiten Kanne Bosporusperle verunfallt der arme Gastwirt mit seinem Gesäß zwischen Mutawakkels Kauleisten.
Während der Wirt wegen seines zerschundenen Sitzfleisches herumkrakeelt, fällt Mutawakkel ins wohlige postalkoholische Koma.
Das Ganze ist zuviel für den Bewahrer der Bosporusperle, er befördert die besoffene Echse kurzerhand die stark abschüssige Straße hinunter.
Am Ende der Piste landet das Goldstück im Rinnstein, es ist wieder bei Bewusstsein, aber der Lack ist nun ab.
Verschämt zieht sich Mutawakkel in ein Kellerloch zurück.
Die beiden Glücksritter erkennen messerscharf, dass der Oberhof-Krokodilwächter wohl nicht mehr als Fürsprecher taugen wird und sie verkrümeln sich eilig.

Mit reichlich Regressforderungen von kollateralgeschädigten Anrainern beladen, fährt Runkel in seiner Kalesche ohne Schnappi zum Palast zurück.
Der Kanzler ist entsetzt, als er des Wärters  Glanz erblickt. Runkel gesteht kleinlaut, dass Mutawakkel abgängig ist und obendrein noch halb Konstantinopel verwüstet hat.  Der Kanzler greift sich den Versager, um den Kaiser die unangenehme Wahrheit zu verklickern.
Andronikos schwelgt soeben noch wollüstig in Wein, Weib und Gesang.
Seine Landung in der Wirklichkeit ist furchtbar.
Als erste Reaktion lässt er Runkel entgolden, fürderhin bekommt der Verschwender und Veruntreuer solange Stubenarrest, bis er alle aufgelaufenen Rechnungen sauber abgearbeitet hat.
Und falls man Mutawakkel nicht wiederfinden sollte, gibt's als Bonus lebenslänglich obendrauf.
Die Krönung der Pleite: Runkel muss sich noch vom neu beschwanzten Sokrates verhöhnen lassen, der nun auch zur kaiserlichen Menagerie gehört.
 

Ritterregel:
"Wer sich ganz in Eisen hüllt, hat noch nie vor Schmerz gebrüllt."

 

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